Karl IV. - Biographie - Wettbewerb 2016-2017

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Karl IV. - Biographie


Kaiser Karl IV. (1316-1378)



Anlässlich des 700. Geburtstags von Kaiser Karl IV. am 14. Mai 2016 widmet sich der bayerische Schülerlandeswettbewerb „Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn. Wir in Europa“ diesem mittelalterlichen Herrscher, den Tschechen und Deutsche als einen ihrer bedeutendsten Monarchen ansehen.


Krisenzeit 14. Jahrhundert
Karl IV. gilt als einer der glanzvollsten spätmittelalterlichen Regenten, obwohl seine Lebens- und Regierungszeit in eine Epoche des Umbruchs fiel, die gekennzeichnet war durch das Wüten des „Schwarzen Todes“, durch Sturmfluten, Erdbeben und weitere Naturkatastrophen sowie durch das große Kirchenschisma, das in seinem Todesjahr 1378 begann. Diese Krisenzeit bildete aber zugleich eine Blütezeit der Künste, der Architektur sowie technischer Innovationen und gab Anlass zu Modernisierung und Wiederaufbau. Ein eindrucksvolles Beispiel aus Prag ist die Karlsbrücke, die als Ersatz für die vom Hochwasser 1342 zerstörte Judithbrücke errichtet wurde.


Gegenkönig Ludwigs des Bayern
Noch bevor er als Sohn der Přemyslidenprinzessin Elisabeth und Johanns von Luxemburg seinem Vater 1347 als König von Böhmen nachfolgte, war Karl von den Kurfürsten 1346 zum Gegenkönig des vom Papst gebannten Kaisers Ludwig des Bayern gewählt worden. Den Kampf um die Reichskrone gewann er 1349 mit der regulären Wahl zum Römischen König dank der Unterstützung des Papstes, was ihm Schmähungen als „Pfaffenkönig“ einbrachte. Seinen Erfolg hatte er dem Stimmenkauf und dem überraschenden Tod des Wittelsbachers verdankt.


Frühe Form von „Scheckbuch-Diplomatie“
Als „königlicher Kaufmann“ stützte sich der „Kronensammler“ Karl in seiner langen Herrschaftszeit we-niger auf den Einsatz militärischer Gewalt als auf Diplomatie, Verrechtlichung durch Verschriftlichung sowie den Einsatz massiver Geldsummen. Beispiele hierfür sind der Erwerb der Mark Brandenburg 1373 von den Wittelsbachern oder die Wahl von Karls Sohn Wenzel zum Römischen König. Die Erfassung und schriftliche Fixierung von Herrschaftsrechten, Eigentumsverhältnissen und Abgabepflichten, etwa im 1375 in Karls Auftrag zusammengestellten Landbuch der Mark Brandenburg, ermöglichte eine effiziente Verwaltung und intensive wirtschaftliche Nutzung der neu gewonnenen Gebiete.


„Vater Böhmens“
Da Karl die Erweiterung seiner Hausmacht in großem Umfang durch die Verpfändung von Reichsgut finanzierte, bestimmte die Einschätzung als „Vater Böhmens, aber Erzstiefvater des Reiches“ lange sein Bild in der deutschen Geschichtsschreibung. In der Tat hat Karl sein Königreich Böhmen und die tschechische Sprache besonders gefördert: Er machte Prag durch die Gründung der Neustadt zu einer der größten Städte Europas. Mit der Erhebung zum Erzbistum und der Gründung der ersten Universität nördlich der Alpen und östlich des Rheins 1348 entwickelte es sich zu einer glanzvollen, zeitweise mit seiner gotischen Kunst und Architektur für weite Teile Europas stilbildenden Residenzstadt. Heute zählt das historische Zentrum Prags nicht zuletzt wegen der Bauten aus Karls Zeit, darunter die steinerne Karlsbrücke und der Veitsdom auf dem Hradschin, zum UNESCO-Weltkulturerbe. Indem er den Kult um den Heiligen Wenzel besonders förderte und mit der Wenzelskrone ein Integrationssymbol schuf, hat Karl die verschiedenen Länder der böhmischen Krone zu einer untrennbaren ehrwürdigen Territorial-einheit verschmolzen. Mit gutem Grund bezeichnete ihn die tschechische Geschichtsschreibung deshalb als „Vater des Vaterlandes“ und dieses Bild hält sich bis heute.


Kaiserliche Repräsentation
Der rastlose Reliquiensammler, Stifter und Reisekaiser versah aber nicht nur Prag, sondern auch andere Zentralorte des Reiches mit dem repräsentativen Glanz seines sakralen Kaisertums, darunter die von ihm besonders geförderte freie Reichsstadt Nürnberg, seinen nach Prag zweitbedeutendsten Aufenthaltsort. Den kaiserlichen Glanz spiegelten auch seine Residenzen in Lauf bei Nürnberg sowie in Tangermünde in Brandenburg wieder. Die Innenausstattung war teilweise der Burg Karlstein nachempfunden, die er als Hort der Reichskleinodien und der böhmischen Krönungsinsignien nahe Prag errichten ließ.


Neues Bildungsideal
Was den am Hofe des Königs von Frankreich erzogenen Karl aber besonders auszeichnete, war sein hoher Grad an Bildung, was ihn zu einem Herrscher nicht nur des Schwertes, sondern auch der Feder machte. Als erster bedeutender mittelalterlicher Herrscher verfasste er seine Autobiographie und schrieb darüber hinaus noch Predigten, eine Neufassung der Legende des Heiligen Wenzel, zwei Testamente sowie sittliche und religiöse Erörterungen. Ebenso wie seine Förderung der Künste dienten diese Schriften immer auch der Selbstinszenierung als weiser Friedenskaiser von Gottes Gnaden.


Verrechtlichung und Verschriftlichung
Daneben hinterließ Karl auch ein grundlegendes Gesetz, das seit 2013 ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt: Die nach dem verwendeten Siegel benannte Goldene Bulle von 1356, die zu einer Art Reichsgrundgesetz wurde, regelte für viereinhalb Jahrhunderte den Ablauf der Königswahl durch das Kollegium der Kurfürsten sowie dessen Zusammensetzung, Privilegien und Aufgaben. Karl suchte hier im Reich als Wahlmonarchie teilweise bereits bestehende Prozeduren und Verhältnisse zu verrechtlichen, indem sie vertraglich fixiert wurden. Die stillschweigende Ausschaltung des päpstlichen Anspruchs auf Approbation (Bestätigung des gewählten Kandidaten) sowie die Einführung des Mehrheitswahlrechtes der sieben Kurfürsten sollten künftig Thronvakanzen (herrscherlose Zeiten) und Doppelwahlen aus-schließen. Diese Rechtsetzung diente freilich auch der Hausmachtpolitik, also der Stärkung der eigenen Adelsdynastie, denn die Goldene Bulle besiegelte ebenfalls eine bevorrechtigte Stellung des Königs von Böhmen unter den weltlichen Kurfürsten.


Geschickte Heiratspolitik
Ein virtuos gehandhabtes Instrument der Hausmachtpolitik bildeten schließlich auch die vier Ehen Karls IV. sowie die Verheiratung der Kinder aus diesen Ehen, denn immer spielten der Abschluss von Bündnissen, das Auseinanderdividieren feindlicher Allianzen, territoriale Zugewinne oder zumindest der Erwerb von Erbansprüchen eine Rolle. Die Ehe mit Anna von der Pfalz zum Beispiel diente der Spaltung des rivalisierenden Fürstengeschlechts der Wittelsbacher. Daneben legte Annas Mitgift, mehrere Burgen in der Oberpfalz, den Grundstein für das später als „Neuböhmen“ bezeichnete Herrschaftsgebiet entlang der Goldenen Straße zwischen Nürnberg und Prag.


Geld vor Recht
Karl IV. hat die politischen und finanziellen Mittel seiner Zeit geschickt und erfolgreich eingesetzt, wobei die reichen Silbervorkommen Böhmens und die Förderung des Handels als materielle Basis seiner Hausmachtpolitik dienten, während sich seine Reichspolitik vor allem auf die Unterstützung durch die Reichsstädte und die Fürstbischöfe stützte. Er war fromm und berechnend zugleich, manchmal skrupellos: In den Pestjahren 1348/49 kam er seiner Verpflichtung gegenüber den Juden als „königlichen Kammerknechten“ in den Reichsstädten nicht nach, sondern zog sogar politischen und finanziellen Nutzen aus den Pogromen. Um sich die Gefolgschaft der Reichsstädte zu sichern, gab er die Juden, die mit Sondersteuern für ihren Schutz durch den König bezahlten, ihren Verfolgern preis. Judengemeinden in mehreren Städten wurden vernichtet, weil man die Juden als Urheber der Pest bezichtigte und durch deren Vertreibung oder Ermordung man sich der Schulden bei jüdischen Geldverleihern entledigen konnte.


Deutscher, Tscheche oder Europäer?
Der Blick der Nachwelt auf Karl IV. war oftmals geprägt von den eigenen politischen Zielen. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der mittelalterliche Herrscher von deutscher wie von tschechischer Seite einseitig als deutscher Kaiser beziehungsweise böhmischer König vereinnahmt. Heutzutage wird Karl IV. eher für kommerzielle als für nationalistische Zwecke instrumentalisiert, auch wenn die alten Deutungen gelegentlich nachklingen. Wem „gehört“ er? Selbst hat sich Karl IV. weder als Tscheche noch als Deutscher gesehen, sondern als den durch Gott auserwählten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und damit als weltliches Oberhaupt der abendländischen Christenheit. Ihn deshalb oder wegen seiner Mehrsprachigkeit zu einem großen Europäer zu stilisieren, wäre gleichfalls unhistorisch. Dennoch war er zweifellos eine bedeutende Gestalt nicht nur der tschechischen wie der deutschen, sondern auch der europäischen Geschichte.

 
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